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04. September 2010

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Tages Anzeiger
Von Susanne Graf
«Wir wurden weggesperrt»
Bis vor 30 Jahren wurden Jugendliche, die nicht spurten, wie Straftäter weggesperrt – zum Beispiel ins Frauengefängnis Hindelbank. Dort findet in einer Woche ein Akt der «moralischen Wiedergutmachung» statt.
Landete in Hindelbank weil sie mit 17 Schwanger wurde: Ursula Biondi.

«Administrativ versorgt» nannte man, was Vormundschaftsbehörden zwischen 1942 und 1981 mit aufmüpfigen Jugendlichen machten. Ohne Gerichtsurteil und meist auch ohne Anhörung wurden sie kurzerhand in eine Anstalt gesperrt – in eine «Erziehungsanstalt». In Tat und Wahrheit waren es aber Strafanstalten, in denen die Jugendlichen auf den rechten Weg gebracht werden sollten. So lebten weibliche Teenager zusammen mit Mörderinnen, Diebinnen und Brandstifterinnen in der Frauenstrafanstalt Hindelbank, ohne sich selber einer Straftat schuldig gemacht zu haben. «Liederlicher Lebenswandel», «Vaganterei» oder «Arbeitsscheu» genügten als Einweisungsgrund.

Ursula Biondi beispielsweise landete in Hindelbank, nachdem sie mit 17 Jahren schwanger geworden war. Ein uneheliches Kind zu bekommen, galt als Liederlichkeit, die eine Einweisung rechtfertigte. Ursula Biondi lebte in einem andern Zellentrakt als die Strafgefangenen, und ihre Kleider waren nicht blau, sondern braun. Aber im Umgang gab es keine Unterschiede zwischen administrativ Versorgten und Straftäterinnen. Wobei: Einen wichtigen Unterschied erwähnt Ursula Biondi doch noch: «Die Eltern mussten für die angebliche Erziehung Tausende von Schweizer Franken bezahlen, während der Staat für die Strafgefangenen aufkam.» Dass die Tochter in einer Strafanstalt lebte, wurde gegenüber den in Zürich wohnhaften Eltern nie erwähnt.

Bis ins Jahr 1981

Seit 1981 gibt es die Methode der administrativen Versorgung in der Schweiz nicht mehr. Sie sei unter dem Druck der Europäischen Menschenrechtskonvention abgeschafft worden, schreibt der «Beobachter» in seiner neusten Ausgabe. Dieser Tage erscheint auch ein Buch von «Beobachter»-Redaktor Dominique Strebel, der dieses dunkle Kapitel der Schweizer Geschichte aufgearbeitet hat.

Und am kommenden Freitag kommt es zu einer Rehabilitation von Tausenden unschuldig Weggesperrter: In den Strafanstalten Hindelbank findet ein Gedenkanlass statt. Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf wird auftreten. Ob sie sich im Namen der Schweiz entschuldigen wird für das Unrecht, das den administrativ Versorgten geschah, will das Justizdepartement nicht verraten. Aber Hans-Jürg Käser wird es im Namen des Kantons Bern tun. Der Polizeidirektor sagt: «Ich finde, es ist angemessen, dass man das Unrecht anerkennt, obwohl man zu jener Zeit von der Methode überzeugt gewesen ist.»

Der Verdacht muss weg

Mit dem Treffen in Hindelbank kommt Ursula Biondi ihrem Ziel einen wichtigen Schritt näher. Sie hat eine «Anlaufstelle für administrativ versorgte Frauen und Männer 1942–1981» gegründet. Seit zehn Jahren kämpft sie dafür, dass «die Behörden hinstehen und sagen, dass es falsch gewesen sei, Menschen auf diese Art wegzusperren». Erst vor gut zwei Jahren fand sie im «Beobachter» öffentlich Gehör. Vom Anlass in Hindelbank erwartet Ursula Biondi nun eine «moralische Wiedergutmachung».

Die moralische Integrität der ehemaligen administrativ Versorgten müsse wiederhergestellt werden, sagt sie und fügt an: «Wir wurden für eine Lebensweise weggesperrt, die heute längst zur Freiheit jedes Bürgers gehört.» Deshalb müsse sich die Politik nun etwas einfallen lassen, «um uns in Zukunft vor übler Nachrede zu schützen». Die administrativ Versorgten wollen nicht länger unter dem Fluch «Häftling» leiden. Denn dadurch, dass Erziehungsanstalt und Strafanstalt im gleichen Gebäude untergebracht waren und wie im Fall von Hindelbank nach wie vor den gleichen Namen tragen, komme sie nicht los vom Verdacht, eine Straftat begangen zu haben.

Ruf nach einem Fonds

Die Forderung nach finanzieller Wiedergutmachung stellen die einst administrativ Versorgten nicht. «Wir überlassen es den Politikern, das Kapitel weiter aufzuarbeiten», sagt Ursula Biondi.

Im Kanton Bern tut sich bereits etwas: Grossrätin Christine Häsler (Grüne, Burglauenen) hat Anfang Woche ein Postulat eingereicht. Sie bittet den Regierungsrat, eine offizielle Entschuldigung an die Betroffenen von administrativen Zwangsmassnahmen zu richten. Zudem hofft sie auf die Einrichtung eines Fonds, «der Betroffenen in Notlage bei der Bewältigung ihrer Vergangenheit und ihres belasteten Lebens Hilfe bieten» könnte.
(Berner Zeitung)

Stichworte
Administrativ Versorgte  Hindelbank  Strafanstalt  Vormundschaft 
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