In der Schweiz gibt es mehr als 200 Rotary Clubs, rund 40 davon im Kanton Zürich. Es gibt sie auf dem Land (z.B. Au am Zürichsee, Forch, Freiamt, Volketswil), und es gibt sie in der Stadt (z.B. Belvoir International, Turicum, au Lac). Die mit knapp 200 Mitgliedern bei weitem grösste Sektion stellt der Rotary Club Zürich, der seine wöchentlichen Zusammenkünfte im noblen Hotel Widder am Rennweg abhält. Präsidentin ist die Volkswirtschaftsdirektorin Rita Fuhrer (SVP).
Rotarier haben Einfluss in wichtigen Gremien. So stellen sie die Mehrheit in der Kommission für das Handelswesen, die dem Kantonsrat neue Handelsrichter zur Wahl empfiehlt. Der Kommissionspräsidentin Rita Fuhrer assistieren dort die Rotarier Lukas Briner (Direktor der Zürcher Handelskammer), Susy Brüschweiler (Chefin der Verpflegungsfirma SV Group), Max Fritz (Geschäftsführer der Vereinigung zürcherischer Arbeitgeberverbände der Industrie) und Karin Lenzlinger (Geschäftsführerin des bekannten Oberländer Baugeschäfts Lenzlinger Söhne AG).
Es gibt etliche Bereiche, in denen Rotarier besonders gedrängt vorkommen. Zum Beispiel bei den Banken und Versicherungen, deren Topshots sich regelmässig im Widder begegnen. Der Rechtsanwalt Daniel Schwander, der soeben ein Buch zu Herkunft und Praxis des Zürcher Handelsgerichts veröffentlicht hat, vertritt nebenbei die These, dass geeignete Kandidaten meist für eine Rotary-Mitgliedschaft angefragt werden, sobald sie eine Spitzenposition erlangt haben. Und dass das klandestine Netzwerk geeignet ist, Karrieren zu befördern.
Rotarier geniessen Rückenwind
Philipp Hildebrand zum Beispiel wurde im Jahr 2003 ins Direktorium der Nationalbank gewählt. 2005 erhielt er den Ritterschlag des Rotary Club Zürich. Zur Wahl als Direktor hatte ihn der Bankrat der Nationalbank mit dem Rotarier Hansueli Raggenbass an der Spitze vorgeschlagen. Seit Raggenbass diese Position bekleidet, sind auch die Korotarier Konrad Hummler (Privatbankier, 2004), Rita Fuhrer (2008) und Gerold Bührer (Präsident von Economiesuisse, 2008) zu diesem Gremium gestossen. 2007 wurde Hildebrand zum Vizepräsidenten der Nationalbank ernannt.
Hübsch ist auch die Geschichte von Renato Fassbind, der 2004 Finanzchef der Credit Suisse Group wurde. Nachdem Fassbind 2001 bei ABB ausgeschieden war, hatte er bei der Zürcher Grosshandelsfirma Keller Holding Luft geholt, deren Patron Andreas Keller als altgedienter Rotarier auch Präsident der Zürcher Handelskammer war. Zum Rotarier wurde Fassbind 2002. Anschliessend holte ihn der Rotarierkollege Walter Kielholz zur Credit Suisse. Ursprünglich entdeckt hatte den jungen Fassbind der damalige Roche-Chef und spätere Ehrenpräsident der Zürich-Versicherung, Fritz Gerber – auch er ein bestandener Rotarier.
Wie wird man eigentlich Mitglied bei Rotary? Das Jahrbuch, intern «die Bibel» genannt, gibt Auskunft. Man kann sich nicht einfach melden, sondern muss von andern Mitgliedern vorgeschlagen und dann gewählt werden. Rotarier verpflichten sich auf bestimmte Ziele. Sie sind angehalten, ihre persönlichen Aktivitäten stets mit der sogenannten 4-Fragen-Probe zu überprüfen: «1. Ist es wahr? 2. Ist es fair für alle Beteiligten? 3. Wird es Freundschaft und guten Willen fördern? 4. Wird es dem Wohl aller Beteiligten dienen?» Punkt 8 des Verfahrenshandbuchs legt den Rotariern schliesslich nahe, «Privilegien oder Vorteile, welche Dritten in einer geschäftlichen oder beruflichen Beziehung normalerweise nicht gewährt werden, weder von Rotarierkollegen zu erwarten noch ihnen zu gewähren».
Wie ernst sie Punkt 8 nehmen, steht dahin. Tatsache ist, dass die Rotarier zum Beispiel im Verwaltungsrat der Flughafengesellschaft Unique mit 5 von 8 Mitgliedern die Mehrheit stellen, inklusive Präsident und Vizepräsident. Im Geschäftsbericht steht allerdings kein Wort davon. Unter «weitere Tätigkeiten und Interessenbindungen» erfährt man beispielsweise von Briner, dass er bis 1979 in Uster Gerichtsschreiber war, aber nicht, dass er seit 1989 Rotarier ist. Nicht weniger als 4 Unique-Verwaltungsräte gehören dem Zürcher Klub an: Präsident Andreas Schmid, Vizepräsident Lukas Briner, natürlich Rita Fuhrer und der Gastrounternehmer Martin Candrian.
Beeindruckend ist auch die Präsenz der Rotarier aus dem Zürcher Universitätsviertel. Rund zwei Dutzend hochkarätige Persönlichkeiten, darunter eine Reihe von ehemaligen und aktuellen Chefärzten, sind im Rotary Club Zürich miteinander verbandelt. Felix Gutzwiller (FDP-Ständerat und Direktor des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Uni Zürich) ist ebenso Rotarier wie Felix Sennhauser (Ärztlicher Direktor des Kinderspitals) oder Hans Caspar von der Crone, bis vor kurzem Mitglied der Universitätsleitung. Ernst Hafen (ehemaliger Präsident der ETH) gehört ebenso zum Club wie sein Vorgänger Olaf Kübler oder der ehemalige ärztliche Direktor des Uni-Spitals, Gustav von Schulthess.
Übrigens: Frauen nimmt der Rotary Club Zürich erst seit rund zehn Jahren auf. Mittlerweile ist das Dutzend voll, darunter die Molekularbiologin Renate Gay vom Uni-Spital, die ehemalige Börsenchefin Antoinette Hunziker, die ehemalige Chefin der Orell-Füssli-Buchhandlungen, Ida Maria Hardegger, die Sotheby`s-Direktorin Claudia Steinfels und die Architektin Tilla Theus.
Quasi in der Mitte des Rotariernetzes sitzt Rita Fuhrer. Letztes Jahr stiess der Adliswiler Stadtschreiber Bruno Aebischer als neuer Generalsekretär zu ihrer Volkswirtschaftsdirektion; er ist Rotarier seit 1997. Auch Fuhrers Stellvertreter, Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger, ist Rotarier, was er auf seiner persönlichen Website transparent macht. Heiniger ist Mitglied in der Sektion Zürich-Sihltal, die von SonntagsZeitungs-Chefredaktor Andreas Durisch präsidiert wird. Auch dem NZZ-Mann Hugo Bütler brachte der Chefredaktorentitel (1985) umgehend einen Platz bei den Rotariern ein (1986). Diesen gesellschaftlichen Karrieresprung hat kürzlich auch die Fernsehdirektorin Ingrid Deltenre geschafft. |